Outing

Ich oute mich. Ja, und ich bin nicht stolz darauf. Überhaupt nicht. Ein bisschen schäme ich mich vielleicht sogar.

Was  ist passiert? Was habe ich getan? Habe ich einer alten Frau die Hilfe beim überqueren der Fahrbahn verweigert? Hab ich ein Kind von der Schaukel geschubst? Nein, schlimmer. Ich habe, nunmehr zum dritten Mal in Folge, die RTL-Sendung „Ein Koffer voller Chancen“ geschaut. Dieses Mal habe ich der Sendung förmlich entgegengefiebert. Was wird passieren? Wer wird sich diesmal, in welcher Größenordnung, vor der gesamten Fernsehnation zum Affen machen? Es ist perfide, was RTL da auf die Bildschirme sendet. Aber es ist ja irgendwie, wie bei einem Unfall. Man will nicht hinsehen, kommt aber nicht so recht daran vorbei. Für die (gefühlten) zwei Leute, die diese Sendung nicht kennen, versuche ich mich an einer kurzen Zusammenfassung. Menschen, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben, oder einfach immer schneller waren mit dem Verstecken vor einer Arbeitsstelle, bekommen einen Koffer voller Geld vor die Füße gestellt, und können sich damit austoben. Es werden ihnen drei Experten zur Seite gestellt, die nicht mit klugen Tipps im Nachhinein sparen. Die Tipps sind meist allgemein bekannte Weisheiten, in der Art von „nicht gleich alles auf einmal ausgeben“. Soweit, so nett. Diese Menschen müssen sich nunmehr vom Jobcenter abmelden, denn es ist ja plötzlich Geld da. Schön bis hierhin. Dummerweise haben diese Menschen aber noch nie in ihrem Leben auch nur annähernd solch einen Haufen Geld gesehen, geschweige denn besessen. Es passiert, was passieren muss. Da das eigene Versagen selbstverständlich immer nur bei den anderen Menschen gesucht wird, ist ja ganz klar, dass es jetzt, mit diesem Geld, losgeht. Aber so richtig durchgestartet wird jetzt. Naja, aber wie? Eine der Träume, die offenbar die meisten Menschen haben, ist ein eigener Imbisswagen. (ich habe von so etwas noch nie geträumt) Also laufen die Leute los, und verwirklichen sich den Traum vom eigenen Gastronomie-Wägelchen. Dass die Probanden damit aber selbstverständlich komplett überfordert sind, steht natürlich von Anfang an fest, und ist Konzept der Sendung. Im Normalfall können die meisten gerade so schreiben, aber mit dem Rechnen oder gar dem Kalkulieren sieht es mau aus.  Nach kurzer Zeit ist das Geld weg, und zu der Tatsache, wieder an der selben Stelle wie vorher zu stehen, kommen neue Schulden dazu. Das Finanzamt schaut schließlich auch fern. Ist aber egal, denn erstens kann man nichts holen, wo nichts ist, und zweitens ist dann die Staffel versendet, und die nächsten Delinquenten werden für die kommende Saison gesucht. Soll nicht das Problem des Senders sein.

Es ist schon gemein von RTL, so etwas zu senden, oder? Schaut man sich das mal etwas objektiver an, stellt man fest, dass RTL eigentlich nur das macht, was deren Aufgabe ist. Sie verdienen Geld. Je mehr Zuschauer das Konzept Hartz4-TV annehmen, umso mehr Werbung wird geschaltet, was dem Sender mehr Einnahmen generiert. Jede andere Vorgehensweise wäre nicht nur dumm, sondern dämlich. Sie wären dann vielleicht der moralische Sieger, aber irgendwann Pleite. Sie könnten ja dann zu einem anderen Reality-Vermarkter gehen, und sich filmen lassen. Kleiner Scherz.

Auf den Punkt gebracht, hat nur einer Schuld am Verfall der guten Sitten im TV. Nämlich der Zuschauer- wir alle. (leider mich eingeschlossen...ich schäme mich ...siehe oben)

Hier jetzt der Punkt, wo zu recht Ertappte immer rein grätschen. Der Zuschauer sieht sich so etwas ja nur an, weil die Sender nur so etwas senden. Stimmt zwar, aber auch hier wieder, 1. Es steht in keinem Gesetz, dass man Fernsehen schauen muss (es gibt auch heute noch gute Bücher), und 2. Der Sender schaut auf Einschaltquoten. Brechen diese ein, und schnellen zum Beispiel bei Opernübertragungen nach oben, kann man sicher sein, dass ab sofort die großen Verdi-Aufführungen nicht mehr bei Arte oder 3-Sat, sondern bei RTL 2 und Vox laufen würden.

Die Sender haben doch allmählich die Messlatte immer tiefer gehängt. Seit den späten 80er-Jahren fing der Niveau-Limbo an. Wer kommt tiefer runter. War es Anfang der 90er solch „innovative“ Sendung wie „Tutti Frutti“, ging es über Gerichtssendungen über Menschen im Container, hin zu Dschungelcamp und Co. Sogar in diesen einzelnen Formaten wurde es immer abwegiger. Nahm man etwas Schmutz heraus, fielen aufgrund der Langeweile der Zuschauer (man erinnere sich) die Einschaltquoten, kehrte man zum Ursprungsformat zurück, oder strich die Sendung gleich ganz. Die Sender haben sich lediglich den Sehgewohnheiten der Zuschauer angepasst.

Um mein Outing abzuschließen und abzurunden. Ja, ich kenne Jürgen und Zlatko, ich habe Costa Cordalis als ersten Dschungelkönig gesehen, und ich weiß zumindest, dass Daniel Küblböck irgendwo mal bei Dieter Bohlen rumgehüpft ist. Mit mehr Wissen über diese Sendungen kann ich nicht dienen. Das allerdings finde ich nicht schlimm. Schlimm finde ich vielmehr, dass ich wahrscheinlich auch in der vierten Woche in Folge sehen werde, wie Gelder verbrannt werden, und es Menschen gibt, die nichts, aber auch gar nichts auf die Reihe bekommen. Fühle ich mich danach besser? Nein, nur peinlich berührt. Um hier zum Schluss noch den moralisierenden Zeigefinger zu heben, merke ich an, dass ich gerne meine Rundfunkgebühren bezahle, solange ich auf den Sendern, die ich schaue, vielleicht mit Musik von Stockhausen malträtiert werde, oder ich wieder einmal merke, dass ich die Operndiva partout nicht verstehe, aber keinen B-Z Promi dabei zuschauen muss, wie er in Australien Känguru-Hoden verspeist. Die Essensgewohnheiten und die finanziellen Situationen der Königs-Kandidaten sind nämlich deren Privatangelegenheit, find ich.


03.10.2019