Ostalgie und Verklärung

In diesem Jahr jährt sich der Fall der Mauer und der Niedergang der DDR zum 30sten Male. Dies sollte eigentlich ein Grund zum Feiern sein, hat aber bei immer mehr Menschen den Beißreflex zur Folge, jedem der sich positiv über die seitdem herrschende Freiheit äußert, mit Misstrauen und/oder Hass zu begegnen.

Viele Menschen fühlen sich abgehängt, übergangen und missverstanden. „Früher, zu DDR-Zeiten hat es das nicht gegeben. Keine Arbeitslosen auf der Straße und man konnte auch im Dunklen durch die Straßen laufen, ohne Angst zu haben.“ Ja? Echt? Warum gab es keine Arbeitslosen auf der Straße? Weil alle, die nicht arbeiten gingen, als Asoziale Personen verhaftet und weggesperrt wurden. Warum konnte ich Abends auf der Straße laufen, ohne Angst zu haben? Weil alles permanent überwacht wurde. Außerdem möchte ich anmerken, dass man sich nicht überall ohne Angst bewegen konnte. Es gab Zonen, die nannten sich Grenzgebiet. Auch in Berlin. Wer dort ohne Passierschein angetroffen wurde, dem half auch seine Angst nicht mehr. Dann war erstmal Schicht im Schacht. ABER, auch heute kann ich mich ja nicht überall aufhalten. Ja, stimmt. Aber es werden keine ganzen Straßenzüge dauerhaft gesperrt. Und selbst wenn, gibt es allenfalls die Aufnahme der Personalien und gegebenenfalls ein Bußgeld. Kann man mit leben. Zu DDR-Zeiten hatte dies mindestens einen längeren Aufenthalt auf der Wache, und ein paar Tage später einen Postkarte mit Einladung zur „Klärung eines Sachverhaltes“ zur Folge. Wird heute gern vergessen.

Auch die Notwendigkeit, den Kinder einzutrichtern, in der Schule nur nicht zu erwähnen, dass man Westfernsehen schaut, kann man sich heute kaum noch vorstellen, und wird auch gern verdrängt. Damals, hatte man noch Respekt vor der Polizei. Ja, stimmt. Hatte man im Westen aber auch, und hat einfach damit zu tun, dass die heutigen Polizisten von ihren Behörden immer mehr als Depp stehen gelassen werden, da ihnen immer mehr Rechte beschnitten werden. Das hat also weniger etwas mit der DDR zu tun. Denn der ABV war im Normalfall auch nur ein belächelter Hampelmann, der aber leider einfach mal eine Abteilung höher „Verstärkung“ rufen konnte, und diese in der Regel auch bekam.

Was war denn noch so schön, in der DDR? Die Kindergärten? Wo schon die kleinsten Kinder auf Linie getrimmt wurden? Die Pionierorganisation (Jung-, und Thälmann), wo man gut durchkam, wenn man in der Reihe blieb? Die schönen Urlaube an der Ostsee, weil man sich als Normalmensch entscheiden konnte, ob Ostsee oder Thüringer Wald (wenn man einen FDGB-Platz bekam)? Die Freude, sich an einem Plattengeschäft anzustellen, ohne zu wissen, welche Lizenzplatte es geben wird? Naja, das war irgendwie wirklich schön. Ich habe auch noch den Satz im Ohr „Torsten, geh mal nochmal zu Mühlenberg, da gibt es Ketschup. Und Frank geht dann danach auch nochmal.“ Toll. Ich kann auf die derzeit angebotenen gefühlten 100 verschiedenen Joghurt-Sorten verzichten, weil mich die Entscheidung überfordert, aber ich möchte einfach nicht mehr mein Kaufverhalten an das Angebot der HO-Kaufhalle anpassen.

Die wichtigsten Dinge allerdings, die man doch verdammt nochmal nicht vergessen darf, sind die Menschen, die einfach nur aus diesem Gefängnis (nichts anderes war die DDR – man schaue nur einmal, in welche Richtung die Grenze gesichert war) raus wollten und ihr Leben, oder zumindest ihre „wenn auch eingeschränkte“ Freiheit verloren.

Beim besten Willen, dies ist definitiv nicht mit den heutigen Zeiten vergleichbar. Nicht mal annähernd. Auch, wenn es immer wieder kolportiert wird, dass hier niemand frei ist. Die DDR kann man  mit Nordkorea vergleichen,  aber mit Sicherheit nicht mit dem heutigen Deutschland.

Es war nicht alles schlecht damals. Ja, mag sein. Aber auch Krebspatienten haben durchaus mal gute Tage. Das alles sollte man nicht vergessen. Ein Besuch im Grenzmuseum oder in einer der zahlreichen Stasi-Stellen (Berlin oder Leipzig) sollten zum Schulunterricht gehören. Die Jugend kann sich nicht mehr vorstellen, wie es war, im anderen Teil Deutschlands gewohnt zu haben. Das ist gut, aber die derzeitige Verklärung der DDR-Kultur mit Sandmännchen und Pitiplatsch, oder mit lustigen Trabifahrten durch Berlin wird dem wirklichen Alltagsleben bei Weitem nicht gerecht. Diese Erinnerungen dürfen nicht in Vergessenheit geraten, find ich.


20.11.2019